Nestflucht

Es enzieht sich meinem Verständnis, wieso ich mir seit Jahrzehnten nicht merke, mich nach dem Duschen nicht zu rasieren. Der Schnitt ist dann einfach nicht gründlich.
Gibts ja nicht.

«Wie gefällt dir die neue Doom Patrol Staffel?», fragte ein Liebhaberkollege.
«Das kann ich Dir sagen wenn sie angelaufen ist.»
«Du, die rennt seit sieben Wochen…»
«Geh‘ Scheißn‘, des häd i glesn. Des rennt net ohne mi.»
Woraufhin mir der Kollege seine HBOmax Playlist zeigte, und ich wahrnahm, dass ich inzwischen auch mit dem Finger am Puls der Zeit schlief.

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Bei irgendeiner—schrecklichen—aktuellen Pop Nummer hörte ich «I’ve been swimming through the feces you left.» Da der Radiosender jedes Lied gefühlt zehn Mal pro Stunde wiederholt, fand ich heraus das die «Feces» eigentlich «Pieces» sind.
Aber mein Radiotag steht bald wieder an, wenn ich dann in der Werkstatt bin, gibts tibetanischen Gurgelgesang oder Schalenmusik.

Der Liebhaberkollege, der mir die … Nachricht über die Rückkehr der Doom Patrol überbrachte, wurde in eine leitende Position befördert. Ich bin sehr stolz auf Ihn, ist er doch einer «meiner» Auszubildenden gewesen. Und bald ist er mein Vorgesetzter.
Wird unsere Freundschaft das aushalten? Wir kultivierten über die Jahre einen … Spruch, der Zuhörenden meist die Zornes-/Schamesröte oder die Blässe ins Gesicht treibt. Das wird dann wohl nicht mehr möglich sein. Ebenso wird man wohl auch private Dinge nicht mehr mit der bisherigen Freiheit bereden, um keine Befangenheiten zu schaffen. Schade, aber ich bin stolz darauf, dass er die Herausforderung annahm.

Der ehrmalige Lehrling drängte mich dazu, endlich eine Bewerbung an seinen Arbeitgeber zu schicken. Das macht es mir nicht leichter. Es sprechen viele Faktoren gegen einen Berufswechsel. Bezahlung—ich kenne den Gehaltsschlüssel des Unternehmens, da fallen im Idealfall 500€ netto weg—; betriebsinterner Status; und die in der Ausschreiung angeführten «verwandten Arbeiten»—die ganzen Spezialisierungen legte ich mir nicht zu, um erst wieder als Maler anzufangen. Mir ist bewusst, dass man sich erst seine Sporen verdienen muss, aber dessen bin ich müde.
Außerdem bin ich ein beschissener Installateur/Lüftungstechniker und Maler.
Die Bewerbung werde ich trotzdem abschicken. Ich hoffe nur, der ehemalige Lehrling hört auf mich, und macht keine Werbung. Dabei ensteht nur unnötiger Druck für uns Beide.

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Bei einer Zusammenkunft «junger» Eltern wurde Neueodiveristät diskutiert. Eines der Kinder wird wohl Autismus diagnostiziert bekommen, und das Gespräch drehte sich darum, ob wir z.B. Autisten als ambulante Diagnose wahrnehmen anstatt als Menschen. War ein angenehmes Gespräch, in dem die betroffenen Eltern ihre Furcht vor der gesellschaftlichen Ausgrenzung ihres Kindes äusserten, und wie man dem vorbeugen kann. Sie stehen finanziell besser da, damit ließe sich schon einmal vieles abfedern, aber dem Kind ein «Disneyland» schaffen funktioniert wahrscheinlich nicht bis zum Holzpyjama.

«Bewusstsein schaffen» klingt immer gut, aber das muss man auch erst schaffen. Die Leute im Betroffenheitsfilm sind immer arm dran, und da muss man etwas machen und was sind wir nicht böse. Der Nachbar mit dem gleichen Problem, der soll sich zusammenreißen; denn wie ich da einmal starke «Symptom» hatte, habe ich mich durch den Tag gewurschtelt und gut wars bzw. wenn ich alles bekommen würde was ich im Fernsehen sehe… Kenne ich von meiner Darmsache.
Und auf der andere Seite stehen so Witzfiguren wie der Typ aus … The Big Bang Theory. Dem schrieb man einfach an, dass er weniger Autist ist, weil die Geschichte das verlangte. Wenn man erst X oder Y macht oder findet, wird da schon.

Es wird wohl darauf zurückfallen, dem Kind so viel Sicherheit wie möglich zu vermitteln.
Aja, Neurodiversität: mit dem Begriff raufe ich. Der Gedanke gefällt mir, aber ich fürchte, nicht direkt oder indirekt Betroffene könnten da schnell in eine Verklärung des Zustandes rutschen, und dann erst «Na die sollen sich zusammenreißen, denn…» sagen.

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Kirbys Gehör wurde schlechter, was Ihm ein paar panische Momente bescherte. Die von der Frau geplante Reise wurde damit zu einer noch schlechteren Idee—für mich.

/  2021-10-28
/  Holzpyjama = Sarg
/  #journal #profesioneller Alltag #die Allgemeinheit #tv #vaterfreuden

1 Kommentar

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