fangen spielen

Ich lag nachts munter. Trotzdem ich hundemüde war, schaffte ich es nicht weiter, als in den Vorraum des Schlafes; dass gemütlich ausgeleuchtete, weiche zweite Wartezimmer. In dieser Nacht verschwor sich alles gegen mein Bedürfnis nach Schlaf. Der Wind bewegte nicht nur Dinge auf der ein paar Häuser weiter befindlichen Baustelle, er trug die Geräusche davon an unser Schlafzimmerfenster. Kratzen in verschiedenen Intenisäten, die langsam fahrenden Autos in der »offenen« Garage nebenan, das klappern der Äste eines Baumes, die gegen eine Hausfassade schlagen ergänzten die Echos der eigenen Gedanken in dem undendlich großen, leer erscheinenden Raum zwischen meinen Ohren.

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Kirby’s Quarantäne ist vorbei. Aber im Bildungsbereich und Gesprächen mit Eltern heißt es momentan »Nach der Quarantäne, ist vor der Quarantäne.« Beinahe jeder in unserem Umfeld hat momentan ein Kind wegen Kontakt zu einer an Covid19 erkranten bzw. positiv dafür getesteten Person oder ist selbst eine erkrankte/geteste Person und deswegen in Quarantäne. Und ich wiederhole mich, aber es zu schlucken bringt auch nichts: Man scheißt den Kindern und Jugendlichen[1] auf den Kopf, damit die Eltern am Arbeitsplatz erscheinen können. Der älteren Nichte wurden die Prüfungen zur Verbesserung des Semsterzeugnisses abgesagt, weil die zwei Fälle hatten. Der Lehrer meinte, dass man sich im zweiten Semester verbessern könnte. Die Schüler haben jetzt gelernt, und im zweiten Semester kommt neuer Stoff hinzu, da gilt es den Kopf über dem neuen Niveau zu halten. Der Stadtschulrat vertraut in der Sache auf die Erfahrung der Lehrer. Und in zehn Jahren schreien wieder alle, wo denn die qualifizierten Leute geblieben sind und empören sich darüber, das rumänische Kernphysiker nicht mit dem Gehalt des rumänischen Facilitymanagers zufrieden sind—was der Arbeitgeber momentan am eigenen Leib erfährt. »Wir bieten mehr Arbeit, als in eure Hintern passt, zu einem Gehalt das man mit Mehrabrbeit ohnehin aufbessert, und versprechen, dass wir alles dagegen tun werden, euch in der Freizeit nicht kontaktieren zu müssen.« lockt entsprechende Figuren an. Bis auf einen Bewerber, der meinte, das Gehalt neu verhandeln zu können; der Arbeitgeber stieg nicht darauf ein, fand niemand besseres, und versucht nun ihn zu erreichen—ohne Erfolg.

Mit dem Wegfall der begrenzten Besucherzahlen, kündigte der Arbeitgeber an, dass wir nun wieder öfter und länger im Einsatz sein werden. Als wäre dies nicht genug, werden mir damit rechnen müssen »Opfer zu bringen.« Als hätten wir in den letzten beiden Jahren nicht bereits auf die Zuschlagszahlungen für Nacht- und Mehrarbeit verzichtet, damit das Geschäft weitergehen konnte. Ich fürchte die Diskussionen darüber, ob mir mein Recht auf Freiteit tatsächlich zusteht. Ob es hilft, im Kopf »Bruttosozialprodukt« laufen zu lassen?

Nach dem wöchentlichen Gesprächs mit den Schwiegerleuten verging mir die Freude am physischen beisammennsein mit Menschen—noch mehr als ohnehin schon. Im Gesundheitswesen bemerkt man nichts davon, dass die Pandemie am abklingen sei. In den Intensivstationen atmete man zwar—hinter vorgehaltener Hand—auf, auf den Normalstationen hat man keine Hand frei, um sich beim Gähnen den Mund vorzuhalten. Der junge Schwager überlegt, ob er sich nicht wieder in eine Tischlerei stellt; da stirbt die Kundschaft im Normalfall nicht so häufig weg, oder wird in stabil schlechtem Zustand aus dem Betrieb entlassen.

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Die Frau bekam ein Angebot für eine Weiterbildung, welche sie zur Erstellung von Diagnosen in ihrem Behandlungsbereich befähigt. Großartige Sache, weil sie Familien dann dirket helfen kann, anstatt sie erst zur Diagnostik schicken zu müssen. Um die Zeiteineitlung in der Zeit der Ausbildung sorge ich mich. Es ist eine große Chance für die Frau, und die Kinder brauchen die Hilfe.

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Kirby mag Videos der Mondlandungen. Wir fanden da eine auf 4K hochgerechnete Aufnahme einer Fahrt eines Lunar Rovers—bilde mir ein von der Apollo 15 Mission.

Und es gibt da ein Video der Apollo 11 Mission, dafür muss man sich aber drei Stunden Zeit nehmen. Das schauten wir natürlich nicht zur Gänze—so ein »fauler« Vater bin ich dann auch nicht, außerdem ist es für Kinder stinkfad[2]—, sondern in Ausschnitten. Beim herumspulen fiel mir auf: bei höherer Wiedergabegeschwindigkeit wirkt es manchmal, als würden die Astronauten Fangen spielen.

Momentan ist das Kind begeistert von den Comics Ariol und Hilda—welche bei Netflix als Serie bzw. einen abschließenden Film verfügbar ist. Beide sind von den Geschichten her eigentlich für ältere Leser gedacht, aber wir helfen uns damit, sie als Bilderbücher zu behandlen. Bei Hilda wird es ab dem zweiten Band komplexer, da fürchtete ich darum, dass wir in unseren Rollen als Vortragende und Zuhörender/Zusehender überfordert sein werden. Aber er wollte unbedingt den zweiten sehen, und fragte ein paar Tage später nach den anderen Bänden. Die Nichten waren davon weniger begeistert gewesen, aber die wurde schon früh durchs Fernsehen verbrannt—was ich von mir selbst kenne.
Aber ich bin froh, dass man ihn von den Superhelden losbekommt. Ich sehe das nicht mehr—weil ich von dem Genre verbrannt bin—, aber Superheldencomics sind von Konflikten getrieben, welche durch Gewalt gelöst werden. Auch wenn die Plots immer kreativer werden, der Watschentanz steht an erster Stelle[3].
Vielleicht bringt ihn der Bilderbuchband, den die Schwiegermutter mitbrachte, ein Stück weiter weg von Comics.

Während einer der Nächte, in der Kirby eine Schulter zum anlehnen brauchte, fand ich nicht mehr zur Ruhe, und sah mir ein paar Making Of Videos diverser Ultraman Serien an. Und mitten während einem Video fragt Kirby »Machst du das im Theater Papa?« und ich pinkelte mir vor Schreck beinahe in die Hose. Ich sagte »Leider nicht.« und es tat ihm leid. Woraufhin er sich umdrehte und weiterschief, während ich ohne Filmbegleitung für undefinierte Zeit bei Bewusstsein in meinem Kopf eingesperrt blieb.

Beim turnen wird er immer sicherer. Wir haben da so ein Sprossengestell auf dem er klettern kann, und man gewöhnte sich im Laufe der Zeit an, immer auf der Hut zu sein, um Kirby beim abrutschen abfangen zu können. Inzwischen hält er sich selbst fest und zieht sich in eine stabile Lage. Und dann hat er diesen Gesichtsausdruck, der »Ha, hat funktioniert.« zu sagen scheint.

[1] Auch wenn es den Zustand in dem man sich dann befindet gut beschreibt, gefällt mir das Wort nicht. »Jugendlich« klingt wie »nicht zurechnungsfähig.«
[2] stinkfad = sehr langweilig
[3] Kurzer #Ausflug warum das so sein könnte: Bei einem Gespräch zur Herstellungsgeschichte von Transformers – The Movie wurde die Brutalität des Films—bezogen auf 1986—thematisiert, da in den ersten 30 Minuten viele der aus der Serie bekannten und beliebten Figuren unmissverständlich und in unbekannt offener Darstellung umgebracht wurden. Es ist klar, dass dies geschah um Platz für neue Figuren—und deren Spielzeug—zu schaffen, und die Darstellung der Lebenserfahrung der Filmschaffenden zusammenhängt; die hatten Eltern im zweiten Weltkrieg—falls nicht sogar selbst direkt beteiligt—und bekamen den Vietnam Krieg mit—in welcher Form auch immer. Sicher hätte man spätestens beim Marketing »Kann man da noch einmal hinschauen? Wir produzieren für Kinder.« sagen können, wahrscheinlich sagten die »Das bringt uns in alle Zeitungen, und die Leute werden bezahlen, um sich empören zu können.«, und nutzten die nicht aufgearbeitenden Traumatas der Filmschaffenden.

/ 2022-02-15
#journal  #professioneller alltag  #vaterfreuden  #comics

2 Kommentare zu „fangen spielen

  1. Ist bei uns genau das gleiche. Die Kinder werden durchseucht, die Eltern gleich mit und die Alten in den nächsten Wochen. Sehr frustrierend, das Ganze.

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    1. Wir bekommen gerade bei Bekannten und Kollegen mit, wie tief einen die Krankheit noch Monate nach der Genesung ziehen kann … ich bin schon ganz heißer vom aus Frust schreien.

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