Einer muss es ja sein


[ journal ]

Ein Lehrling wurde vor kurzem zum Kollegen befördert, und als „Gratulation“ durfte er mir gleich eine große Materiallieferung zusammenstellen, weil ich kurzfristig einen Umbau vermittelt bekam. Die Sache wäre eigentlich recht einfach zu bewerkstelligen, wenn der Kunde nicht darauf bestehen würde, teile seines Inventars zu benutzen—wir hätten es ohnehin nicht in Rechnung gestellt, aber was solls.
Ich setzte mich also nachts an den Umbauort, bereitete schon vor was möglich war und schrieb ein paar Notizen dazu für die Tagschicht auf.
Und alles wurde umgeworfen weil ein Kollege der Audiologen meinte „Ein 16A CEE Anschluss gibt ja 11kW her, wieso brauchen wir dann so viele Anschlüsse?“ und der Tagschichtkollege meinte „Ja, da hast du volkommen Recht.“ „Aber nicht auf jedem Anschluss.“ vergaß er in dem Moment anzufügen. Jedenfalls ist mein Plan, von einzeln abgesichterten Stromkreisen dahin … wozu tue ich mir die Scheiße noch an? Mir ist bewusst, keiner der Stromkreise wird voll belastet sein; wenn dann aber einer, wegen was auch immer, ausfällt, ist das Problem mit einem Blick zu sehen.
Aber so war die Geschichte einfacher zu bauen. Wenigstens stand der Mist schon, als ich Abends den Dienst antrat. Meine Materialbestellung war damit für den Hugo…

Der fachkundigere Kollege war letztens auch darüber erstaunt, wie ein FI sich verhält wenn Erde und Nullleiter aneinandergeraten.
Ich weiß auch nicht alles … aber der Kerl hat Großanlagen entworfen und gebaut.

Beim nächtlichen Marsch nach Hause, sah ich wie der Betreiber eines Geschäfts—jedenfalls vermute ich, dass er dies war—die unbenutzte Fläche alternativ nutzte: er reparierte Motorräder. Über die ganze Fläche des Geschäftslokal waren Werkzeug und Teile rund um zwei Motorräder verteilt. Der Mechaniker wirkte gelassen. Oder wollte er nicht vor mir durchdrehen; nein, bleiben wir bei gelassen. Einer muss es ja sein.

8mar20

Bei einem Spaziergang habe ich zum ersten Mal jemanden beim Drohnentraining mit VR-Brille gesehen. Ein interessanter Anblick. Von hinten sah es so aus, als hätte die Person das Fluggerät per Gehör gesteuert. Der Weg, den wir entlangspaziert sind, hat um das Trainingsgebiet herumgeführt, weswegen ein paar Minuten später das Trainingsgerät klar erkennbar war. Die einzige, mit freiem Auge, wahrnehmbare Bewegung der Person, war die ihrer Finger – wenn man diese ignoriert hat, wirkte es als wäre der Geist in der Maschine, und der Körper ein führerloses Fahrzeug in Parkstellung.
Die unheimliche Atmosphäre der Situation ist wahrscheinlich durch die blockierte Einsicht auf die Augen der Person zu erklären. Bei anderen Konzentrationsaufwendigen Betätigungen sieht man Menschen den Fokus zumindest an.

Vaterfreuden

Kirby beginnt die Anwesenheit der Frau zu vermissen. Jedenfalls nehmen wir das an.
Oder es steht ein Entwicklungssprung auf dem Programm.
Oder die restlichen Zähne kommen.
Oder ein Wachstumsschub kündigt sich an.
Oder er hatte ganz einfach einen schlechten Tag.
Ich habe mich Vormittags für ein paar Momente alleine hinsetzen müssen, um mich zu beruhigen. Den Rest des Tages habe ich meine Frust in eine Faust gedrückt, tief durchgeatmet, und dann mit der mir zur Verfügung stehenden Sanftheit gefragt, wie es Kirby geht. Der Arme kann nichts dafür, er kann sich eben nicht anders ausdrücken.
Beim Malen hat er die Stimmung zum Ausdruck gebracht – mit viel schwarzer Farbe die er wie Wolken auf dem Papier aufgebracht hat. Mit den schwarzen Händen wirkte er, als würde er Handschuhe tragen.

Fotografie

Nachmittags habe ich mir die Yashica Electro 35[1] geschnappt, um den Film darin – Ilford hp5 400 +1 – komplett auszubelichten. Der liegt da auch schon seit drei Monaten drin und wird dadurch nicht besser.
Es ist spannend, wie analoge Fotografie mein Sehen verändert. Digitalkameras sind als Dokumentationswerkzeug großartig. Man kann viel freier damit agieren – analoge Fotografie zwingt einen in ihr Korsett, was durchaus befreiend sein kann. Als wir beim spazieren in einer Gegend angekommen sind, in der man den Architekten und Objektplanern anscheinend die Leine verlängert hat, ist mir wieder aufgefallen, „wie Licht aussehen kann“. Die Motive könnten entwickelt alle beschissen aussehen – werden sie wahrscheinlich, ich verlasse mich doch auf einen, über Adapter batteriebetriebenen Lichtmesser, der älter ist als ich, und vergesse immer darauf, dass ich die Belichtung bei der Kamera noch über die Blende und Filmempfindlichkeit beeinflussen kann –, aber das Gefühl des bewussten Sehens von Architektur und Mustern war schön. Zeitweise meinte ich, die Planung des Areals verstanden zu haben – wieso man das Gebäude so dahingestellt hat, und wie es das Auge durch die Szenerie führt. Wahnsinn was Menschen so alles bauen. Ästhetik und Sinn sind Streitthemen, sie bieten einem aber schöne Motive – nein, ich meine nicht welche zur endgültigen Beendigung eines Streits.


fußnoten

[1] Yashica Electro 35
–en.wikipedia.org

#81-2019

professioneller Alltag | Beobachtungen | Depression | Star Trek Voyager

Ein Mediator wird die Sache mit der Nichteinhaltung des Rauchverbotes in den Werkstätten klären. Man möchte nicht einsehen, dass die Regel „Ist kein Nichtraucher abwesend ist das Rauchverbot ausgesetzt.“ ist inzwischen Geschichte. Ich sehe ein das mein Arbeitgeber sich im Aufenblick keine Entlassungen leisten möchte; aber wenn ich mich an nie unterzeichnete Kleidervorschften halten muss, muss das gesetzlich festgelegte Rauchverbot eingehalten werden. Wird spannend wie der Mediator reagiert.

Auf der Fahrt nach Hause steigt ein Mensch mit einem leerem Tier-Transportkäfig zu. Durch die gebückte Haltung der Person, bin ich zu dem Schluss gekommen „Ui, dem hams es Viecherl übern Styx gführt[1].“ Beim späteren Blick-durch-den-Raum-schweifen lassen erkenne ich: die Haltung ist der Katze geschuldet welche auf dem Rucksack residiert; das Halsband mit einer kurzen Leine an der Handschlaufe des Rucksacks fixiert. Mich hatte während des schweifens schon interessiert, was wohl die Aufmerksamkeit eines Kindes in dem Moment so gefesselt hat, dass es seine –vermutliche– Topfengolatsche nicht gegessen hat.

Ich habe die Therapie doch verlängert. Vielleicht bringt es ja noch etwas. Als der Therapeut am Ende Medikamente, und deren Möglichkeit mir beim aushalten der Situation zu helfen, angesprochen hat, ist mir die Hoffnung wieder entkommen. Ich halte nurmehr aus; die Medikamente zaubern mir dabei ein Lächeln auf die Lippen? In meiner Werkzeugtasche liegen zehn Meter Strick mit Henkersknoten an einem Ende. Den hat mein Vorgänger mir mit den Worten „Für die schlechten Tage.“ überlassen. Gestern hatte ich den Strick wieder einmal in den Fingern.
Was mir am meisten auf die Nerven geht ist und mich abhält mich zu erstricken ist, dass ich zu feig bin mich aufzuhängen und das mein Sohn mich immer herzlich begrüsst wenn ich nach Hause komme.
Der Rest der Welt kann mich scheißen tragen und meinem Grabstein erzählen, was man hätte besser machen können, aber ob Kirby jemanden mit dieser Einstellung in seinem Leben braucht, bezweifele ich.


Star Trek Voyager….puh, so schlimm habe ich die ersten Episoden nicht in Erinnerung. Ich mag die Idee der Serie und die Notwendigkeit, die Handlung zurück in die unbekannten Weiten zu versetzen ist nach Deep Space Nine auch verständlich. Wenn man sich aber spätere Episoden anschaut, ist zkate Mulgrew als zcaptain Janeway die einzige Person, welche in ihrer Rolle lockerer wird. Robert Picardo hat als holographischer Arzt eine Ausrede.

fußnoten

  1. Ui, dieser Person wurde das Haustier eingeschläfert.

#64-2019

Vaterfreuden

Man vergisst leider zu oft die mehrdimensionale Natur des Menschen.
Der Körper ist eine Leinwand des Geistes; aber wenn das Licht stimmt –und man als Betrachter enstprechend erschöpft ist– könnte man meinen durch die Augen bis ins innerste eines Menschen schauen zu können.
Wie gesagt: ich bin müde.