Rauchzeichen

Die Nichten legte mir mein Weihnachtsgeschenk in den Postkasten – ich schickte zufällig erst gestern die ihren ab. Wir hatten in den letzten Wochen alle zu viel Wahnsinn ausgefasst, und waren deswegen «Weihnachtsmüde». Ich bin begeistert von meinem GTFO Bracelet. Der Stiefvater des Freundes der älteren Nichte ist im Sicherheitsgeschäft, und so ein EDC Werkzeugnarr wie ich es – in Schüben – bin, und empfahl und besorgte dieses Armband. Auf dem Gummiband ist eine Scheibe aus Wolframkarbid, mit dem man Sicherheitsglas beschädigen kann. Die Verwendung erfolgt dabei wie bei einer Steinschleuder: man spannt das Gummiband mit der Scheibe drwuf zwischen zwei Finger, legt die Scheibe am Glas an, zieht zurück, und lässt die Physik übernehmen.
Bei der Ausführung die sie mir schenkten, ist ein Universalschlüssel für Handschellen dabei.

+++

Kirby fragte mich, wieso ich zu Hause nicht rauche. Im folgenden Gespräch lernte ich, dass er bisher meinte, alle Erwachsenen würden rauchen, und er glaubte mir nicht, das ich mir zwar einmal eine Packung Zigaretten kaufte, und dann wegwarf – und bis heute rauchfrei bin. Das Gespräch erinnerte mich daran, dass wir auf Andere nicht so wirken, wie wir meinen. Wann er mich wohl fragt, ob ich auch einmal nüchtern sein kann…

Und weil es noch nicht genug war …

Wer kennt es nicht: man kommt aus der Dusche, und wird vom eigenen Bruder angerufen. Der erzählt einem, dass er die letzten Monate die Schwangerschaft einer Frau, die er kurz nach der Trennung von der ex-ex-Schwägerin kennenlernte, geheimhielt, und man sei seit ein paar Stunden Onkel eines weiteren Kindes. Willkommen James Hopkins—du armer Mensch. Ein Vater, der ohne Promillespiegel sein Leben nicht mehr ordnen kann; ein Onkel der seine Lebenslust an der Garderobe abgab; eine Weltgemeinschaft, die sich einen Dreck um seinen nächsten Schert.

der falsche Kopfstand

Wir trafen den alten Schwiegerbruder. Der Neffe zeigte uns seine Krabbelkünste — beim starten wirkt er, als würde er den herabschauenden Hund machen. Und da dachte ich mir »Kannst einen Kaschperl owereißn.«[1], und zeigte ihm einen Kopfstand.
Und der Neffe blickte mich an, als hätte ich ihm das Ende von Raiders[2] gezeigt, und begann zu schreien. Der alte Schwiegerbruder versicherte mir, der Neffe hätte in der kurzen Zeit an der Luft noch nie so geschrien.
Dafür ließ ich ihn beim um die Wette krabbeln gewinnen. Da bekam ich ein Lächeln dafür.

Man merkt Kirby an, dass er ein Einzelkind ist, und wenig Kontakt zu anderen Kindern hat. Andererseits, er ist doch im Kindergarten, und dort sagt man uns, er verhalte sich nicht weniger unsozial als andere Kinder auch. Eine neutraler Erziehungsberatung wäre für mich wünschenswert. Vielleicht entgleitet nur mir die Erziehung? Jedenfalls habe ich das Gefühl, wir machen da etwas … unbehände.

+++

Ich verstehe nicht, was die Frau gegen den Wiener Dialekt hat? Ich laß einen der ins Wienerdeutsch übersetzten Asterix Bände, und war froh über meine leere Blase. Schmäh ohne, dass ist für meine Ohren Poesie. Kommt immer darauf an, wer spricht, Menschen unter 40 bekommen das nicht mehr hin.

+++

Ich bin begeistert davon, dass Daniel Radcliffe macht was er will, aber der Trailer zum — entsprechend seltsamen — Weird Al Yankovic Film lässt meine Extrawurst nicht bibbern.

[1] :: = »Hier ist eine Gelegenheit, sich zum Kasper zu machen.«
[2] :: Raiders of the Lost Ark, lokal bekannt als Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes; in besagter Szene schmilzt eine Gruppe Nazis, einer davon in Nahaufnahme. Wenn man etwas auf die Innenseite seiner Augenlieder tapeziert braucht.

29/ August /2022

nichts gutes

:: journal ::

Kirby wird am Gehör operiert. Es kann gerettet werden, die Frage ist nur wie viel. Es heißt, bis zum Ende des Jahres wird sich schon alles einspielen.

Momentan ist es so, dass wir Musik und Hörspiele—je nach Titel—unangenehm laut abspielen müssen, um Kirby zu ermöglichen, es auch zu hören.
Im Straßenverkehr nehmen wir ihn »an die kurze Leine«. Es muss komisch wirken, wenn wir ihn manches Mal wegen Nichtigkeiten anschreien.

Es war vor ein paar Wochen noch sehr dringend, Kirbys Arzt meine Krankengeschichte zur Verfügung zu stellen, um den weiteren Behandlungsverlauf einer anderen Baustelle zu planen. Es kam bisher keine Antwort.
Ich sehe das—noch—als gutes Zeichen.

Von Weltraum und Biber Videos, änderte sich Kirbys Fokus auf das Tauchen—Apnoetauchen interessiert ihn besonders. Vielleicht weil es fliegen am ähnlichsten ist? Beim spielen mit Figuren fragt er meist danach, ob jemand fliegen kann; »Die können was wir wollen.« antworte ich dann.

Als Vater finde ich mich noch immer nicht zurecht. Vor allem, weil man Vätern zu jedem Scheiß den sie mit ihren Kindern machen gratuliert, während man es von den Müttern verlangt.

Es stehen noch ein paar Elternabende zu den Themen »Gewaltprävention« und »Umgang mit Medien« an; beides wichtig und richtig, nur bin ich mir unsicher, ob mich das Vorgetragene »ungefärbt« erreichen wird. Ich wurde mit Medien alleine gelassen, und mein Zugang dazu ist dadurch verzerrt, und ich empfinde viele Ratschläge und Analysen als Tadel an meiner Person. Die Frau spricht herblassend darüber, dass ich lieber vor dem Fernseher oder einem Buch saß, was für mich eine Entwertung meiner Kindheit bedeutet.

+++

Ich ging—berufsbedingt—wieder unter die Uhrenträger. eine Casio G-Shock. Ich trug vor Jahren eine einfache Casio Uhr, welche beim arbeiten beschädigt wurde; aber noch als Stoppuhr für die Filmentwicklung perfekt war—bis ich Massive Dev entdeckte. Die Frau schlug eine Casio G-Shock vor. Aus meiner Kindheit kannte ich diese nur als überdimensioniertes Gimmick, dabei sind das stabil gebaute Zeiteisen. Ich entschied mich für das Basismodel mit Solarpanel zur Akkuladung; welche mich an eine Uhr aus meiner Kindheit erinnerte, welche man mit Wasser betrieb.

+++

Der professionelle Alltag ist momentan irrer als je zuvor. Ein Liebhaberkollege verließ das Unternehmen, ein zweiter erholt sich von zwei Herzinfarkten—und wird wohl seiner Gesundheit wegen eine berufliche Veränderung anstreben.
Xenophobie, Misogynie und die inzwischen aus der Mode gekommenen Arbeitsbedingungen halten die Zahl an Interessierten niedrig.
Das Kollegium reagierte darauf »Wir müssen halt reinbeißen.« Ja eh; aber wie lange? Auf mich ist man derzeit schlecht zu sprechen—dumme Sache, wenn man Scheiße über einen Kollegen erzählt, ohne dessen Abwesenheit zu verifizieren—, weil ich meine Freizeit nicht freiwillig aufgebe. Meine Argumente: ich bin keine 20 mehr und brauche die Regenerationszeit; mein Kind ist nur einmal in dem Alter, und ich will mich nicht wie die »Schönwetter Papas« bei uns fragen, was denn alles falsch lief bzw. sagen »Hätte ich mir doch damals mehr Zeit genommen.«

Mir lief eine interessante Lehrstelle über den Weg, aber natürlich einem Tag nach Annahmeschluß. Schickte trotzdem meine Unterlagen ab.

+++

Meiner Mutter geht es schlecht. Sie meint, ihrer Mutter am Ende ihres Lebens nicht gut genug geholfen zu haben. Und das ihre beiden Kinder Probleme mit Alkohol und Depressionen haben, lässt sie an mancher Entscheidung zweifeln, welche sie für uns traf.

+++

Ich bin wieder an dem Punkt, an dem mich der Gedanke daran einmal zu sterben, und dies sogar durch mein Wirken veranlassen zu können, beim einschlafen hilft.
Die Tage haben kein Ende mehr—manchmal nicht einmal Schlaf. Es scheint nurmehr Momente zu geben, in denen man meint Anwesender zu sein, als in dem zuvor.
Und egal wo man ist, es sind laute Menschen dort, die alle irgendetwas von einem wollen—oder gar fordern.

gegrummelte Flüche

Mein Arbeitgeber hätte gerne eine Bestätigung über die Quarantäne von Kirby. Das Amt stellt keine aus, weil der Kindergarten die Gruppe aufgrund geltender Verordnungen schloss. Das versteht mein Arbeitgeber, aber der muss wegen der geltenden Kurzarbeitsbestimmungen ein gültiges Dokument auf Lager haben, damit das Spice die Förderungen auch weiterhin fließen. Beim Amt gibt man mir eine Nummer, welche die Verrechnung anrufen kann, um von einem Beamten eine Bestätigung zu erhalten. Der Arbeitgeber meint ich solle mit mehr Nachdruck um die Bestätigung bitten… »Hören sie einmal, bei allem Respekt, wenn sie mir dieses Dokument nicht freundlicherweise umgehend ausstellen, dann werde ich, respektvoll und voller Verständnis … jemanden schicken der euch die Kreuzworträtsel falsch ausfüllt, ich weiß wie man ‚Darkweb‘ stenografiert, ich treib da schon jemand auf.«
Wir sind mit dem Wahnsinn nicht alleine; drei Parteien im Haus teilen sich die Geschichte mit uns.

Im letzten Jahr hatten wir eine ähnliche Situation, allerdings im März, da wurde der Absonderungsbescheid als Papierflieger durchs geöffnete Fenster zugestellt während wir Kirby abholten … es war eine e-Mail. Aber sie kam noch am selben Tag an.

Wenn mir dann Leute wie meine Cousine— die ihren Job auf jedem Klo erledigen könnte, solange es dort eine Internetverbindung für ihren Computer gibt—erzählt, dass wir ja auf einer Insel der Seeligen leben, wo man ja eh für jeden Schaß der einem quersteht[1] freigestellt wird, möchte ich meinen Kopf so lange auf die Tischplatte fallen lassen, bis die süße Ohnmacht mich für ein paar Stunden der Realität raubt.

Wenigstens konnten wir Kirby’s Bett umbauen. Jetzt sitzt da ein »Dachstuhl« auf dem Bettgestell, den wir mit Lichterketten umwickelten, und auf dem noch zwei Stoffbahnen liegen. So entfällt der Umbau für sein Zelt, es wirkt angenehmer und die Luft zirkuliert besser. Wer einmal in unserer Deckenkonstruktion schlief, dessen Geruchssinn kann ein Lied von verbrauchter Luft singen.

[1] wenn ein Schaß quersteht = schmerzhafte Blähungen

/ 2022-01-28
/ #journal #vaterfreuden #comics #die allgemeinheit #die liebe familie