schwindelerregend

Die letzten Tage fiel die Tagwache für mich auf 03:00—der Kunde nahm durch die Erleichterungen der Maßnahmen gegen die Verbreitung von Sars-Cov2 den Probenbetrieb wieder auf, und wir hätten dabei gestört. Also schoben wir den gesamten Arbeitstag um ein paar Stunden nach vorne. Eigentlich eine tolle Sache, denn man kann Mittags in die Freizeit abbiegen. Und vor 20 Jahren hätte ich das noch mit einem pfeifen getan. Ich weiß nicht wie es schaffte mich munter zu halten, bis Kirby einschlief. Und als ich dann im Bett lag war ich wieder „wach“, nachdem ich ein erleichtertes Seufzen in die Welt entließ.
Dazu stieß ich mir an zwei Tagen den Kopf an derselben Stelle—sowohl an meiner Glatze als auch an dem Dachträger—, und legte mir damit einen zünftigen chronischen Schwindel zu, der auftrat sobald ich mich hinlegte. Fürs Erste hat es sich einmal wieder ausgeschwindelt.

Im professionellen Alltag lag nach wie vor diese entspannte Anspannung in der Luft. Diese hat allerdings an Entspannung verloren, seit der Chef des Arbeitsmarktsserive im Fernsehen verkündete, dass man nicht jeden Job retten wird. Da stimmte auch der Finanzminister mit ein. Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, sparen konnte keiner, viele leisteten ihren Dienst trotz Kurzarbeit in Vollzeit, die Leute sind geschunden vom Homeoffice und ihren Kindern … und heute die Diskussion wie es denn weitergehen könnte. Heuer steht kein großes Konzert für uns auf dem Plan—2022 sind sie—vorerst—prall gefüllt. Bis dahin muss man aber erst einmal Geld verdienen. War jedenfalls ein entspannt Angespanntes Gruppentelefonat.
Und die ganze Zeit musste ich währenddessen an die Obdachlosen im Bus denken, welche diesen als nächtliche Schlafstätte nutzten. An einem Tag hatte einer davon eine Flasche Schnaps dabei—vom Geruch her Marke Witwenmacher—, welche Ihm durch die zügige Fahrweise des Fahrers aus der Hand fiel. »Schaut’s net so deppat, es sads schuid.1« rief er durch den Bus. Und er hat Recht, es wäre die Aufgabe der Gesellschaft zu helfen—aber die verlässt sich gerade auf eine Regierung, deren Vorsitzender Gegenstand einer Ermittlung ist…

+++

Kirby werden wir von nun an öfter im Kindergarten schlafen lassen. Er fragte uns, ob wir Ihn nicht länger dort lassen können, damit er länger bei den anderen Kindern bleiben kann. Wir haben das Gefühl, dass in seiner Gruppe alle Kinder sehr gut miteinander auskommen, und der braucht die sozialen Kontakte. Es ist schön zu hören, dass er den Jüngeren hilft und mit den Größeren spielt. Und ich denke, da ist auch etwas dran—wenn ich Kirby abhole, kommen die Kinder meist zu mir und erzählen mir davon, was Sie alles machten und wie es Kirby geht.

+++

Ich schaffte es, seit Beginn des Jahres vier Bücher zu lesen. Ich weiß, es gibt Menschen, die lesen pro Woche ein Buch—für mich ist dies allerdings eine ähnliche Leistung. Ich schlief dafür zu wenig.

+++

Mein Schwager lieh mir eine Kamera, damit ich fürs erste wieder Film benutzen kann. Er kauft inzwischen Film als Meterware und spannt den in Filmdosen aus Kunststoff. Stelle ich mir beim öffnen angenehmer vor. Und netter für die Umwelt—abgesehen von der Chemie usw..

+++

Ich könnte mich zusammenreißen. Würde gerne über ein paar Fotobücher schreiben. Und über das Foto, welches mich bis heute „verfolgt“.
Aber jetzt setze ich mich erst einmal vor Gamera 3: Revenge of Iris.

:: journal ::
1 »Schaut’s net so deppat, es sads schuid.« = »Schaut nicht so dumm, ihr seid Schuld.«
AMS-Chef Kopf: Es können nicht alle Arbeitsplätze erhalten werden | derstandard.at
Blümel will einige Corona-Hilfen auslaufen lassen | derstandard.at
Gamera 3: Revenge of Iris | wikipedia.org

lustige Anekdote

[ journal ]

Ich freue mich auf das Ende der Weihnachtszeit. Die Adventskalender, Weihnachtslieder und Basteleien stören mich heuer gewaltig. Die Frau räumte Kirbys Medienwiedergabegerät randvoll mit saisonalen Klängen, und auch wenn da kontemporäres Zeug dabei ist, kann ich es nicht mehr hören.
Dazu kommt der Aufwand wegen des Adventkalenders…als wir uns über Erziehung unterhielten, untermauerte ich, dass ich die kirchliche Indoktrination bei Kirby verhindern will. „Auf jeden Fall.“ war die Antwort der Frau — und jetzt kommt der Nikolaus, Adventskalender, Christkind, Weihnachtslieder, das komplette Programm. Es ist frustrierend. Und wenn man fragt, ob man die Musik abschalten könnte, bekommt man „Da musst du ja nicht so aufgebracht fragen.“ als Antwort. Muss ich — ich erinnere mich daran, dass wir entschieden, genau diese Intensität an Feiertagsirrsinn nicht zuzulassen, entsprechend enttäuscht reagiere ich.
Die Menschen um mich sehen es wohl als lustige Anekdote, dass ich an meinem 18ten Geburtstag gleich nach dem Aufwachen meinen Pyijama gegen Straßenkleidung tauschte, um als Erster bei der Bezirksverwaltung vorzusprechen, um den Austritt aus der Kirche auf den Weg zu bringen. Ich will mein Leben frei von Religion und damit verbundener Tradition verbringen. Und da werde ich wohl weitere Mauern aufstellen müssen…dabei haben wir auch ohne diese keinen Platz.

Etwas, dass ebenfalls ein Witz für die Menschen in meinem Umfeld zu sein scheint, ist meine seit neun Monaten andauernde Kurzarbeit. „Du bist ja ohnehin im bezahlten Urlaub.“ ist eine Aussage welche ich unterschreiben würde, nur fühle ich mich seit 2013 nicht mehr, als hätte ich einen freien Tag gehabt. Und seit Kirby in meinem Leben ist, gibt es keine Freizeit mehr. Außerdem, bezahlter Urlaub: das Geld das ich gerade bekomme, kommt aus dem Steuertopf in dem ich vorher 18 Jahre einzahlte, das fehlt hintenraus!
Mir fehlt die Zeit zum abschalten. Früher fand diese auf dem Weg an und zurück vom Arbeitsplatz statt; seit dem Überfall und der erfolgreichen Verlegung des Drogenhandels in die öffentlichen Verkehrsmittel fiel diese Option weg. Dazu der fleischgewordene Wahnsinn am Arbeitsplatz…ich bin Menschen überdrüssig.

+++

Wir werden an den Massentests teilnehmen. Unser beider Arbeitgeber hat uns freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass es durch unsere Tätigkeiten durchaus gern gesehen wäre sich zu beteiligen.
Und Sankt Sebastian kann sich sein Narrativ ohnehin so forumlieren, dass er am Ende gut dasteht. Sind die Teilnehmerzahlen zu nieder, kann man Lockdown 3 damit rechtfertigen; nehmen genügend Menschen teil und die Zahlen sind gut, können wir Einkaufen und Skifahren, und gehen dann in Lockdown 3 weil alle Anderen undiszipliniert waren; nehmen genügend Menschen teil und die Zahlen sind schlecht, kann die Regierung schlimmeres verhindern — endlich.
Das stört mich derzeit: ich denke nicht mehr kritisch genug über meine Verschwörungstheorien nach. Ich denke, ich ließ den Pessismismus endgültig von der Leine.

+++

Ich besorgte Bücher für die Instagram Wichtelgruppe. Das Thema war „Überraschen mit Fantasy und Science Fiction, bzw. Sci-Fi Bücher die uns gefallen könnten“. Ich entschied mich für In Calabria von Peter S. Beagle — eine „lockere“ Fortsetzung von The last Unicorn. Ich laß es im vergangenen Sommer, und das Buch hatte einen entspannenden Effekt auf mich. „Den könnte es doch auch auf meine Wichtel haben.“ dachte ich mir — und ich hatte sonst einen Haufen Ideen, fühlte mich aber mit keiner Sicher1. Das Bücher ist außerdem schmal genug, um als Keil für wackelndes Mobiliar zweckentfremdet zu werden. Die Kosten für Besorgung und Versand haben mein Budget für diesen Monat geschmälert…ich hätte aber auch vermitteln können, dass ich heuer keinen großen Spielraum habe. Um auf den Punkt zu kommen: ein Wichtel teilte mir mit, dass Ihr Gesschenk für mich es wohl nicht schaffen würde noch 2020 anzukommen, denn sie hat mir ein Bild von dem Zeichner Mitch Gerards besorgt.
Ich möchte gar nicht wissen wie teuer das war.
Und fühle mich schlecht, weil ich wegen der Buchkosten mit den Zähnen knirsche.

Und: Nein, der Geschenkeaustausch findet nicht unter dem Weichnachtlichen Deckmantel statt, wir feiern den Colorist Appreciation Day — nur um 11 Monate zu spät. Coloristin Jordie Bellaire brachte Einen von uns darauf, als er ein Heft von Ihr signieren ließ.

1.. Meine Ideen:
The Black Company
Lord of Light
Dune
The Godmakers
2001 – A space odyssey
The shadow of the Torturer
Kenobi
Let the right one in
The Time Travellers Wife
The amazing adventures of Kavalier & Clay

Henkersmahlzeit für Allergiker

Eine unbekannte Nummer schreibt uns an „Der Schwiegervater schickt Euch einen Dank, habe ihn vor der Tür abgestellt.“
Eine weitere Nachricht stellt klar, es handelt sich um ein Dankeschön von einem der Nachbarn für die wir einkaufen – eine Henkersmahlzeit für Allergiker: Wein und Schokolade[1].

+++

Die Frau tätigt eine Überweißung per Foto. Habe mich daraufhin darüber schlau gemacht, wie das funktioniert. Siehe da: Es steckt keine KI dahinter, sondern nur I. Mit dem Benutzen des Service stimmt man zu, dass die Übermittelten Daten von einem datenverarbeitendnen Unternehmen weiterverwendet werden. Also wird jemand der hoffentlich mehr als ein halbes Butterbrot am Tag verdient die Daten für mich in die Maske meiner Bank eintragen und zur Erledigung weitersenden.

Meine Eltern verschicken Ostergrüße per Link zu einer Adresse, die mir Dubios erscheint. Wie ich vermutet habe, Schadsoftware. Letzte Woche hat mein Vater noch über den Striptease auf social media gelästert…

Kein Wunder, warum die Digitalisierung nicht vorranschreitet. Auf der einen Seite setzen Firmen nur weitere Menschen vor weitere Maschinen, auf der anderen Seite braucht jeder einen digitalen Sachwalter. Und in der Mitte sitzen die ganzen Experten die von beiden Seiten – gefühlt – wenig Ahnung haben.

+++

Kirby hat sich beim einschlafen schwer getan.
Oder er hat sich gegen den Schlaf gewehrt.
Nach 40 Minuten war ich mir da nicht mehr so sicher. Ich habe den Eindruck, das die Frau meine Erziehung zu weich findet – Sie spricht Ihn streng an und er legt sich zum schlafen hin. Wenn ich Ihn streng anspreche tut sich nichts. Also habe ich gegen den Lattenrost des oberen Betts – es ist ein Stockbett – getreten.
Eine Minute später hat Kirby geschlafen.
Nehmt mir das Kind weg…

+++

Derzeit erscheint es mir so, als wolle man mich ärgern wo es geht.

Zu Hause finde ich keine Ruhe.
Und ich bin so wütend, weil es sich so abspielt, wie ich es befürchtet habe.
Ich hatte die Chance, mich zu trennen, und habe sie nicht genutzt.

In der Chatgruppe der Mitstreiter des professionellen Alltags werden inzwischen Witzvideos usw. verteilt. Es ist frustrierend, das meine Kollegen nicht einmal in diesen Zeiten professionell agieren – außerdem will ich meine Ruhe von denen haben, wenn ich nicht am Arbeitsplatz bin und es nicht um Leben und Tod geht.

Wie oben erwähnt: meine Eltern verbreiten Schadsoftware, und argumentieren mit: Woher soll ich denn wissen, dass das schlecht ist? Wenn einem auf der Straße ein Wildfremder Osterkarten für die installation einer Kamera in der eigenen Wohnung anbietet lehnt man das Angebot dich auch ab. Oder?

Lange dauert es nicht mehr bis zum Geburtstag meines Schwagers, und ich weiß nicht, welche Art von Hilfe die Schwiegermutter von mir braucht.

Alles, was man mir rät ist: Kopf hoch, es wird schon werden.


[1] ich trinke keinen Alkohol und esse keine Milchschokolade mehr – die Frau mag allerdings ab und an Milchschokolade.

15mar20

Nachmittags verlangt das Telefon nach meiner Aufmerksamkeit – der Chef ruft an. Morgen braucht bis auf ihn keiner aus der Abteilung am Arbeitsplatz zu erscheinen. Man setzt sich erst einmal zusammen, um die Lage zu evaluieren.
Später meldet sich die Gewerkschaft – es geht um Entgeltausfälle und die Bedingungen der Kurzarbeit. Damit hat die Geschäftsführung einen Hebel um uns zum Abbau von „altem“ Urlaub und Überzeiten zu bewegen. Der Rahmen der Maßnahmen lässt mich an mancher Projektion zweifeln – aber die Frau holt mich auf den Boden zurück, indem Sie mich daran erinnert, dass man eben langfristig planen muss.

Yashica Electro 35 | Ilford hp5 400+1

die liebe Familie

Wir versuchen uns zu Hause einzuigeln. Vormittags funktioniert dies sogar gut – Nachmittags zieht es uns dann aber nach draußen. Wir setzen uns ins Auto und fahren. Und egal wie weit wir auch fahren, man entkommt den Menschen nicht. Logisch, wir sind ja überall – aber an jedem anderen Sonntag sind um diese Zeit drei Leute in den Gegenden unterwegs, aber nicht heute.
Das wird keine lustige Zeit…mein Verlangen nach Einsamkeit wird langsam und beständig intensiver.

die Allgemeinheit

Sogar die besoffenen Jugendlichen sind schon zu früher Stunde unterwegs gewesen. Versucht das Land noch den letzten Tropfen aus den letzten 24 Stunden in relativer Freiheit zu pressen? Aber jongliert man dann mit Glasflaschen – wenn man ein Huterl[1] auf hat? Vielleicht ist das auch der beste Zeitpunkt um zu leben.

Vaterfreuden

Es kommen immer mehr verständliche Worte in Kirbys Brabbeln vor. Auch wenn die Anzahl nicht ausreichend dafür ist, man bekommt immer öfter den Eindruck eine Unterhaltung zu führen.
Wir beginnen auch, verschiedene „Bausysteme“ miteinander zu kombinieren – was die Umgebung um Seine Bahnstrecke spannender als die Bahn selbst macht. Das erinnert mich an die Kleinbahn Landschaftsplatte meines Opas. Dabei sind die Vorstellungen meines Opas mit denen von Brüderlein fein und meinen kollidiert – das ist unschön gewesen. Derzeit spielen wir mit Kirby Free Jazz, aber was wenn er seinem eigenen Beat folgen möchte? Hoffentlich bin ich dann reif und sicher genug um entweder Ihm zu folgen, oder meine eigene Kapelle zu bespielen.

was Die können…

Wien wollte es den Italiener gleich machen, und hat dazu aufgerufen, um 18h die Bundeshymne anzustimmen.
In unserem Grätzl[2] ist es still gewesen, bei Bekannten ist „I am from Austria“ angestimmt worden, und in den sozialen Medien machte ein Video die Runde, in dem ein Wiener sich über den Lärm beschwert.
Man lebt in der drittunfreundlichste Stadt der Welt[3], wieso nutzt man das nicht, und lässt die Leute jeden Tag um 18h einfach schimpfen und keppeln und granteln. So haben wir gelernt dass die Schulbildung in einem Fall tatsächlich umsonst war, es niemanden interessiert oder bekrittelt wird.


vorbeigelaufen

Gut das nicht…hätte ich mir denken können.
Doch keine volle Entschädigung bei Geschäftsausfall wegen Corona
–derstandard.at

Eine Analyse der COVID-19-Gesetze
–epicenter.works

Weils lustig ist.
Ultraman without Context
–youtube.com


fußnoten

[1] Huterl = Hut. In diesem Fall leicht alkoholisiert.
[2] Grätzl = Wiener Ausdruck für den Bereich rund um den eigenen Wohnort.
[3] Wien ist drittunfreundlichste Stadt der Welt – und trotzdem lebenswert
–kurier.at