38,71

In den letzten Wochen kam ich täglich ein einem Erotik Shop vorbei. Der sperrte in den frühen 90ern auf, und war damals Bezirksgespräch; ein großes Ladenlokal, rote, große Beschilderung und eine Laufschrift, direkt neben einer Straßenbahnlinie, welche nicht nur an einem Amtsgebäude, sondern auch an einem großen Bahnhof vorbeikommt. Damals war ich weniger um die Verrohung meiner Seele besorgt, wenn ich an dem Geschäft vorbeikam, sondern was die Werbung mit »Barrierefrei« meinte. Muss man sich woanders erst einmal durch einen Hindernissparkour arbeiten, bevor man um viel Geld an seine Wichsvorlagen kommt? Hoffentlich stehen die Kalt- und Heißgetränke nicht am Beginn des Hindernisslaufs… Heute weiß ich, öha, die waren sehr progressiv für ihre Zeit. Von dem ist heute nicht mehr viel über. Da stehen noch ein paar Mannequins in den Auslagen, die aussehen, als würden sie einen Rave besuchen wollen, der … der Vorstellung eines Raves von christlichen Mittelschichtlern entspricht. Was mich allerdings seit ein paar Tagen beschäftigt ist die Werbebotschaft des Geschäfts, welche in den frühen 2000ern auf »Erotic Lifestyle« geändert wurde. Denkt der Durschnittsösterreicher, dass Erotik bedeutet, peinlich berührt, in billiger pseudo-Fetischbekleidung im finsteren Schlafzimmer zu stehen? Muss man für Erotik immer seine Nein-Neins betonen/zeigen/offensichtlich verhüllen? Erotik und Sexualiät ist doch etwas, dass die ganze Zeit stattfindet. Auch wenn wir nicht bewusst daran denken, erzeugt unser Körper Pheromone, Hormone usw.. Es ist kein Wunder, dass sich viele Heterosexuelle momentan bedroht durch »Andersliebende« fühlen, wenn sie vielleicht ihre eigene Sexualität nicht offen ausleben dürfen bzw. sich nicht trauen es zu tun.
Ich lernte aber, dass der durchschnittliche Österreicher annimmt, Schweinderl und Muh-Kuhli werden eines Tages im Feng-Shui Stall zu den sanften Klängen der Windspiele munter, fliegen auf einer Wolke in ein großes Gebäude, wo sie noch einmal ein Festmahl mit ihren Freunden — untermalt von der Best Of des Klangschalen Fritz — genießen, bevor sie gaaaanz müde werden, und friedlich einschlafen. Und während sie da rasten, zefallen sie auf Kotlets, die dann um 10cent pro Kilo auf unseren Tellern landen, frei von Anti- und Probiotika. Und pro Tier bekommt der Bauer eine Scheibtruhe voller Gold.

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Ich nehme vieles zurück, Kirby hört tatsächlich besser; und manchmal ist das erschreckend für ihn. Während eines Besuches in einem Wildtierpark erlebten wir je einen Streit in den Haus- und Wildschweingehegen, dessen Lautstärke ihn erschütterte. »Schweine können so laut sein?« fragte er uns.
In den letzten Tagen spielen wir beinahe täglich mit Figuren, und das Kleine Welt-Spiel zeigt, wie aufmerksam er ist. Wir richteten Käfige ein; betrieben Geo-Engineering; kauften in Kirby’s Geschäft ein; verarzteten diverse Wehwehs; die Pingunine fuhren Eis essen. Bei kassieren gefiel mir, dass er nicht einfach ein paar gerade Summen als Preis nannte, sondern noch ein paar Kommazahlen hinzufügte — 38,71 blieb bei mir hängen. Werden andere Kinder sicher auch sagen, und ich lobe meines über den Klee — das sagt man so, oder?

Sein Schlafverhalten ist momentan nicht deut- bzw. beeinflußbar. Es findet momentan wieder Entwicklung statt, und da schlief er immer unruhig. Man bemerkt nach ein paar Tagen dann, wie seine Feinmotorik sich verbessert, oder er Interesse an neuem zeigt.
Bei einem Abstecher zu einem Buchhändler marschierte er geradewegs zu den Comics, und schnappte sich einen Agentencomic auf dessen Cover jemand überfahren wird. Die Frau und ich überstürzten uns bei dem Versuch, ihm vor dem aufschlagen des Comics abzuhalten. Er entschied sich dann dafür, durch Simon & Louise zu schauen; was für sein Alter auch nicht geeignet ist, aber besser ist, als ein Spionageschinken. Simon & Louise habe ich in der englischen Fassung im Regal, zu Hause fand er es im Regal. Und dabei fiel ihm auch ein anderer Commic auf: Lehmriese lebt!. Das lasen wir dann bei 15 Mal. Jetzt weiß er ungefähr, was ein Golem ist.

Im Kindergarten gab es Probleme mit einem seiner Freunde. Der war wohl frustriert, weil seine Eltern gerade mit seinem Geschwisterkind beschäftigt sind, und sie ihn früher auch den Großteil ihrer Zeit vor dem Fernseher parkten. Das ließt sich wahrscheinlich wie ein Vorwurf, aber ich kann verstehen, dass die Eltern überfordert sind bzw. ihnen beruflich so viel abverlangt wird, dass sie in der Freizeit auch erst einmal eine Weile sitzen müssen. Das ganze klärte sich recht schnell auf, brauchte bis dahin aber ein paar verheimlichte Schläge und Zwicken und Stoßen. Und hier war es ein vertrautes Umfeld, in dem man über die Parameter bescheid wusste, und in dem die anderen Kinder deren Freund schützen, und dessen Verhalten stumm akzeptieren — bis eben einer nicht mehr konnte. Nun war es am Spielplatz so, dass da ein Kind Kirby ziemlich unfreunldich in die Wange zwickte. Zwar entschuldigte sich die Mutter bei mir, und ich denke dem Kind ging es nicht darum Kirby zu verletzten, sondern darum, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es lächelte mich an als ich ihm mit erhobenem Zeigefinger die »Du Du« Geste zeigte. Hätte ich Kirby nicht anweißen sollen, sich zu wehren, zumindest ebenfalls ein Zwicken anzubringen? Die Frau sagt da immer, dass man die Kinder einfach machen lassen muss. Ja, man muss die Kinder machen lassen, aber am Ende der Rechnung sind es Kinder. Ähnlich trug es sich in meiner Kindheit zu, wenn ich von anderen geschlagen wurde, wurde mir verboten mich zu wehren, denn ich muss ja etwas gemacht haben, dass diese Handlung provozierte. Jetzt stehe ich da und raufe damit, mir für vieles die Schuld zu geben, auch wenn sie mir nicht zusteht, das möchte ich meinem Kind ersparen. Da werde ich wohl noch ein wenig mit der Frau darüber unterhalten müssen.

Der Spielplatz war auch ein Panoptikum der Existenzen: auf der einen Seite die Eltern die nur vom Job sprachen, morgen Projekt hier, dann ein paar Tage in der Flat in London, von dort nach Dubai wegen eines Projekts, und dann ist da ja noch das Haus in Spanien wo man zumindest einmal den Postkasten ausleeren könnte; und auf der anderen Seite ein Vater, der sein Kind mit „Gib mir 20 du Bitch.“ zu Liegestützen motiviert.

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Im professionellen Alltag trafen neue Kollegen ein. Einer davon hat das Handwerk bei uns ver … gelernt, und man merkt: seit er den schoß der beruflichen Eltern verließ, gewann er einiges an Erfahrung. Deswegen muss man ihm erst wieder vermitteln, dass bei uns der Rhytmus der Trommel ein anderer ist. Was mich überraschte ist, wie wenig neues fachliches Wissen er mitbrachte. Das soll nicht heißen, dass er unqualifiziert ist, sondern wieviele Arbeiten in der großen Welt von eigens qualifiziertem Personal verrichtet wird. Und er verlässt seine Arbeitsplätze chaotischer als bei seiner Ankunft. Ich rief ihm am Ende der ersten Arbeitswoche an, und sagte ihm, er solle sein Zimmer aufräumen.
Und dieser launisch formulierte Ordnungsruf drückt ein Problem aus, dass ich momentan am Arbeitsplatz habe: ich bin eine Art Abteilungspapa. Schauen wir einmal wo sich das hin entwickelt.
Beim neuen neuen Kollegen … schauen wir einmal. Ich denke, der muss sich einfach erst bei uns einfinden, und dann wird das schon laufen.

Ich bin im Moment … es fühlt sich an, als würde mich etwas festhalten. Sowohl meinen Körper als auch meine Gedanken. Vielleicht bin ich einfach nur erschöpft. Erschöpfter.

Gamsige Griechen

Nachdem ich einen Kollegen an dessen letzten Arbeitstag aus der Garage entließ — damit seine Zugangskarte das Gebäude nicht verlässt —, entdeckte ich einen Schmetterling, der durch den Ein-/Ausfahrtsbereich irrte. Ich fing, und trug ihn nach draußen.
Fühlte sich an, als hätte ich Orpheus und Eurydike aus dem Hades geleitet; mit Augenbinden.

Gamsig = nervöse Paarungsfreudigkeit

wohin gehts?

Einer der Liebhaberkollegen—der mit dem Herzproblem—verkündete mit seiner Rückkehr aus dem Krankenstand, dass er ab August in seinem eigenen Unternehmen werken wird. Ich konnte darüber lachen; vor Freude, weil er hart dafür arbeitete sein Unternehmen zu schaffen; aus Schadenfreude, weil der Chef noch sagte »Das schaue ich mir aber an.« als der Liebhaberkollege seine Absicht im Februar ankündigte.
Aber, wo eine Tür zufällt, ist ein Fenster offen; ein ehemaliger Lehrling, der inzwischen in der Welt Erfahrung sammelte, kehrt wieder zurück. In den letzten beiden Jahren brachte ihn immer jeder ins Gespräch wenn es um Neubesetzungen ging, und wurde mit »Er ist kein Elektriker.« ruhiggestellt. Inzwischen wissen wir: Muss er nicht sein. Durch seine Ausbildung ist er dazu befähigt Reparaturen an elektrischen Anlagen durchzuführen, welche von einem konzesionierten Elektriker geprüft werden müssen. Das ist beim Rest der Abteilung ebenso. Es ist schade, dass er als Notnagel zurückkehrt, aber ich freu mich—trotz seiner anstrengenden Art—darauf zu sehen, wo er als Mensch steht, und was er mir alles beibringen kann.

Die Kollegin schlägt sich—meiner Meinung nach—sehr gut. Letztens hatten wir einen Job, der »aus dem Ruder lief«, und trotzdem behielt sie einen kühlen Kopf und handelte nach bestem Wissen und Gewissen. Die Produktion brauchte Gerät, welches wir an dem Standort lagern, und dieses wurde über die Jahre … mein erster Gedanke als ich die Sachen sah war »Jö, das gibts auch noch? Wieviele Generationen an Spinnen wohl darin aufwuchsen?« Es war eigentlich schön, wieder einmal den ganzen Tag zu laufen, und Lösungen zu improvisieren; der Zeitdruck im Nacken machte es unangenehm.
Aber zurück zur Kollegin; die verriet versehentlich ihren Gehalt, und begann damit eine Reihe von Gesprächen zum Thema Fairness. Und ich bin—Überraschung—nicht eindeutig in meiner Position dazu. Dasselbe Gespräch gab es auch, als ich anfing. Wie kommt es, dass Kollege XY sich das Gehalt hart ausverhandeln musste, das mir in den Schoß gelegt wird? In meinem Fall war es der damals Zuständige, der meine Gehaltsvorstellung als »sehr freundlich« bezeichnete, und die Summe erhöhte; die Kollegin spielte das Verhandlungsspiel und gewann. Wenn ich mich echaufieren muss, dann bleibt mir nur der Personalleiter. Der hat Einsicht in die Gehälter, und hätte darauf hinweißen können, dass die Summe dem Gehaltsschema der Abteilung nicht angemessen sei. So kann ich der Kollegin nur gratulieren.
Worüber niemand spricht, ist die Tatsache, dass in den knapp 20 Jahren die ich im Betrieb bin, die Kaufkraft entsprechend nachließ, und man das Gehalt der Kollegin in realisitische Proportionen setzen sollte. Aber das muss man Menschen erklären, die vom Elternhaus ins geerbten Eigenheim zogen und meinen , 1.000 Euro Arbeitslosengeld—ohne Befreiung von Rundfunkgebühren oder Verschreibungskosten—ist zu viel fürs nichtstun. Ob die das Geld ablehnen würden, wenn sie es einmal beziehen können?
Worüber man streiten kann, ist die Tatsache, dass unser Chef nie jemanden für eine Gehaltsanpassung vorschlug. Dieser Prozess ist im Haus anscheined normal, nur redete bis vor kurzem niemand darüber, weil es ja ohnehin in jeder Abteilung stattfand—bis auf Unsere. Nach einem Gespräch mit dem Chef meinte dieser, noch nie davon gehört zu haben, während Kollegen nicht mehr aufhören zu jauchzen, weil sie trotz Kurzarbeit und negativer Bilanz eine Gehaltserhöhung bekamen.
Wie geht man damit um? Ich weiß nicht wie ich das Thema gelassen ansprechen könnte, es geht ja dabei auch um die Wertschätzung meiner Arbeit. Es frustriert mich, explodieren zu müssen um gehört zu werden.
Ich sollte endlich kündigen. Vom ex-Liebhaberkollegen hört man allerdings keine »Nektar und Ambrosia« Geschichten aus »der Welt da draußen«. Nur von zu viel Arbeit, wenig finanziellem Dank und Leuten, die nach dem ersten Arbeitstag eine Tankstelle überfielen.

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Kirbys Gehör wird nicht besser. Der Operationstermin rückt zwar immer näher, ist aber noch soweit entfernt. Noch weiter, seit wir einen Unfall hatten. Kirby war mit dem Rad unterwegs, blieb nicht auf dem Gehsteig stehen—wir haben da eine Regel: er überquert eine Straße erst, wenn er dafür unser OK bekam—, ein Taxifahrer schien ihn beim abbiegen nicht bemerkt zu haben, und Kirby blieb mit dem Rad an dessen Heck hängen. Ich zog Kind und Fahrrad von der Straße. Kirby war nur geschockt. Der Zufall half mir in Form einer bekannten Pädagogin, die in der Nähe war, und Kirby mit einem »Trick« aus dem Schock holte. Der Taxifahrer kam ebenfalls zu uns gerannt, und wollte uns unbedingt ins nächste Spital fahren. Da wir in der Nähe eines Spitals wohnen, und Kirby keinen Kratzer aufwieß und aufmerksam war—»Bin ich in dein Auto gefahren?« fragte er den Fahrer.—lehnte ich danken ab. Aber wir tauschten Nummern aus, der Fahrer wollte wissen, wie es weiterging.
Den Rest der Strecke fuhr Kirby dann vorbildlich. Tags darauf war er wieder unkontrollierter unterwegs. Es ist schwer, ein Gleichgewicht in »der Leinenspannung« zu finden.
Z.B. schlägt er die Frau, wenn ihm eine ihrer Entscheidungen nicht passt. Er zeigt danach zwar Reue und entschudligt sich, aber die Impulskontrolle fehlt ihm. Also verräumten wir letztens ein paar Spielzeuge, bis er sich wieder beruhigt. Wir versuchen, bedürfnisorientiert zu erziehen, aber im Kindergarten hört man nur »Es passt eh alles.« und wenn man versucht eine Kausalitätskette für seine Emotionen zu finden hört man nur »Weiß ich nicht.«. Aber was erwarte ich auch von einem Kleinkind? Erwachsene brauchen dafür auch Zeit. Da spielt meine Furcht davor mit, zu versagen. Zum Glück reagierte ich nach dem Unfall nicht mit lautem Tadel, sondern mit »Na servas, was ist denn da passiert? Haben wir uns jetzt beide erschreckt, gö? Tut dir etwas weh? Gut, dass du einen Helm aufhattest. Du hast mich wohl nicht gehört. Jetzt wissen wir, warum wir vor der Straße warten.«
Am Folgetag war ich auf dem Spielplatz vorsichtiger im Umgang mit ihm als sonst, was die amwesenden Mütter amüsierte.

Kirby merkte sich, dass Bärentierchen-artige Organismen auf uns Leben, und nachdem er erfuhr wie Kopfläuse funktionieren fragte er »Und die anderen Monster in unseren Haaren lassen wir in Ruhe?«. Es dauerte bis mir dämmerte, worauf er sich bezog.

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Wenn man die USA als »Leitmedium« des Westens betrachtet, wurde einem ja bisher schon schlecht, aber nun, wo auch noch das Recht auf Abtreibung vom Supreme Court abgesetzt wurde, weiß ich nicht mehr wohin mit allem. Denn in Europa erodierte der politische Boden ebenfalls, und momentan sind wir einen kalten Winter davon entfernt, dass die Lawine—offiziell—rechts abrutscht, und wir die Gesellschaft mit dem neoliberalen Mantra »Der Markt regelt sich selbst.« durchkämmen, mit den Menschen als Ware.
Wen wunderts, der Vatikan sieht in der Kriminalisierung von Abtreibung ein Urteil mit großer gesellschaftlicher Bedeutung. Der war aufgelegt[1].

Und weil wir gerade bei der Klientel sind: Wo sind die ganzen besorgten Bürger jetzt, wo es um Energiepreise und Mietsteigerungen geht? Mit freien Chakras kann man wohl problemlos frieren, und der Feng Shui trug einem die Summe, die man zum Ausgleich der Inflation braucht zur Tür hinein?

/ 24-26–Juni–2022
/ [1] Gerade der Verein, der synonym für den Missbrauch von nicht Abgetriebenen steht.
/ #journal #vaterfreuden #die Allgemeinheit #professioneller Alltag

Kaul und Mlauen Seuche

_ journal _

Nach Jahren bekam ich einen passenden Auffanggurt. Der Arbeitsschutz stellte fest: unsere Schutzausrüstung ist ungenügend und »abgelaufen« — das Zeug schimmelt nicht und wird einen im Ernstfall auch retten, aber nach zehn Jahren lässt man die Ausrüstung ausscheiden —, und das vorhandene Geschirr ist mir zu groß, was wahrscheinlich im Fall eines Falls zu unnötig mehr Verletzungen geführt hätte. Jetzt muss ich das Geschirr auch konsequent tragen. Eingestellt wäre es, und ich trainierte schon ein paar Mal den Ein- und Ausstieg; trotzdem fürchte ich, mir bereits beim Anlegen den Nacken zu brechen. Man ließ sich das sogar etwas kosten und drückte mir ein recht teures Modell in die Hand.

Meiner Meinung nach erarbeitete sich die Kollegin in der kurzen, intensiven Zeit mit uns durchaus ihren Platz in der Abteilung. Ein Kollege kritisierte ihre zaghafte Art; aber in der momentanen Situation arbeiten wir in einem Modus, wo man nicht daran denkt, jeden Arbeitsschritt zu erklären. Trotzdem hatte ich bisher den Eindruck, dass sie aktiv nach Möglichkeiten sucht, in denen sie sich zutraut, zugreifen zu können. Das sagte ich auch meinem Chef, als er mich nach meiner Meinung fragte.
Es schien, als gab es da ein paar negative Worte von anderen Kollegen. Darf man sich noch einarbeiten bzw. beim werken lernen? Das muss so eine Männersache sein, dass man nach einem bestimmten Punkt meint, mit dem momentanen Wissen den Job angetreten zu haben. Allerdings — vielleicht hängt es auch mit dem Generationenkonflikt zusammen? Die Kollegin wirkt oft desinteressiert bzw. abwesend. Von meinen Nichten — und von meinem Verhalten her — weiß ich, dass dies normales Verhalten ist. Die Leute sind oft ruhiger und beobachten erst einmal. Da versucht keiner mehr am ersten Tag seinen Platz zwischen den Hämoriden der Altgedienten zu finden, und das könnte diese entsprechend aufstoßen. Und um ehrlich zu sein, geht mir das ständige »Und was ist das?« auch auf die Nerven, weil diese Herangehensweise an einen Lernprozess oft nicht funktioniert. Es dauert, bis der Anbau im Hirn soweit ist, um neues, spezifisches Wissen auch nachhaltig abzulegen; bis dahin liegt es auf der Straße.

Angeblich gab es zu meiner Entscheidung die Pflege von Kirby zu übernehmen, kritische Worte. Dazu muss ich noch Informationen sammeln.

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Pflegezeit. In Kirbys Kindergarten breitete sich die Hand-Fuß-Mund Krankheit aus. »Kein Problem.« dachten die Frau und ich, weil er die im vergangenen Frühling schon hatte.
Es stellte sich heraus, dass es durchaus üblich ist, mehrmals daran zu erkranken. Oft ist es da wie mit Herpes, dass eine andere Erkrankung HFM die Tür aufhält. Kirby war den juckenden Ausschlag an den Handflächen und Fußsohlen nach zwei Tagen wieder los, die Rotznase blieb ihm länger. Nach zwei Tagen Pflegezeit, begann mir der Kopf zu schmerzen und der Hals zu kratzen. Abends kratzte ich mir dann die Fußsohlen, weil sich die Pusteln dort ausbreiteten. Einen ganzen Tag später war ich unbrauchbar.
Die Frau bekam nur die Pusteln; und nur auf der Zunge. Am ersten Tag half da noch Pyralvex, ab Tag Zwei musste sie schon lange reden und feste Nahrung streichen — und das blieb dann einmal vier Tage lang so.
Meine Eltern waren so nett, und halfen uns damit Kirby halbtags an zwei Tagen zu betreuen. In der Zeit machte ich mich mit Medikamenten »stadtfein«. Es dauerte in den ersten Tagen seine Zeit, bis meine Stimme vorhanden bzw. belastbar war. Und Kirby braucht und genießt es momentan, vorgelesen zu bekommen. Aber nur von mir. Bei der Frau beklagt er die … Gleichförmichkeit des Vortrags. Wobei ich meine Vorstellung nicht besonders Abwechslungsreich erlebe. Die Frau muss beim vorlesen immer erst aus ihrem Vortrags Duktus — klar aber gleichförmig — herausfinden, könnte sein, dass er dies Störend findet.

Apropos Lesen; es gibt da die Comicreihe Ariol, die Kirby mag. Ein Band hat da an die 120 Seiten, und besteht meißt aus mehreren kurzen Geschichten. Bisher laß ich diese immer in einer verkürzten Version vor, ich erklärte die Vorgänge. Nun hatten wir Zeit zum lesen, und ich begann ihm, den Text der Denk- und Sprechblasen zur Gänze vorzulesen. Es scheint ihm momentan zu gefallen, dauert nur länger.

An einem späten Nachmittag saß Kirby bei mir — oder ich bei ihm. Wir beobachteten die Bäume dabei, wie sie der Wind sanft bewegte. »Was war den heute im Kindergarten?« fragte ich Kirby.
»Mag ich nicht sagen.«
Ich antwortete nicht, machte stattdessen nur meine patentierte Geste mitndem Kopf, welche soviel wie »Kann ich nachvollziehen.« ausdrückt. Ein paar Momente später kam dann eine Antwort, mit der ich nicht rechnete:
»Ich habe Felix im Gesicht geschlagen.«
»Aha. Wieso denn?« Ich war überraschend ruhig. Es stellte sich heraus: Der wollte nur als nächster das Spielzeugauto haben, das Kirby gerade hatte. Beim Gespräch mit den Pädagogen stellte sich heraus, da wurde niemand geschlagen, es wurde nicht einmal gestritten. Es wäre aber interessant zu erfahren, wieso Kirby vom Schlag ins Gesicht sprach.
An einem anderen Tag war der Sachverhalt eindeutig; da zerriss Kirby einen Spielzaun aus Holz. Man sagte ihm, er sei nicht stark genug, und da meinte er, sich beweisen zu müssen — war eine von vielen Erklärungen, die alle Sinn machten. Hier entschieden wir, dem Kindergarten eines unserer Spielzeuge zu spenden.
Wir versuchten auch, Kirby zu vermitteln wie man mit Wut umgehen könnte. Man muss dabei aber auch immer daran denken, hier ist ein Kind, dem die ganze Welt zu groß erscheint; dass auf gewisse Art auch weiß, dass die Erwachsenen auch nur auf Sicht fliegen; der ständig mit der Angst lebt, für sein Verhalten korregiert zu werden; manchmal für dessen Unbeholfenheit belacht, und später wieder gescholten wird. Da nimmt man schon einmal ein Stück Spielzaun und baut daran Frust ab.

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An einem »freien« Machmittag setzte ich mich mit dem ganzen japanischen Material das ich zu Shin Ultraman zusammengetragen hatte hin, und ließ es mir durch Google Translate übersetzen. Das lief überraschend schnell und angenehm ab. Ich fotografierte die Seiten, und die Übersetzung war manchmal ein wenig … umständlich formuliert, aber der Sinn war nachvollziehbar, und eine professionelle Übersetzung eines Artikels aus dem PEN Magazine, die ein paar Stunden nach »meiner« erschien, bestätigte mir dies.
Ich bin schon ganz narrisch darauf den Film. Durch das Begleitmaterial, die paar Schnipsel die Tsuburaya veröffentlichte und die Besprechungen von Expats bzw. englischsprachigen Japaner sind sich einig darin, dass der Film sich seeeeehr tief und breit an den Vorlagen aus den 60er Jahren bedient — Ultra Q und Ultraman.
Neben den Magazinen, dem Begleitbuch und einem Buch über den Designprozess, habe ich nun auch noch einen Haufen Figuren dazu. Kirby gefallen sie auch. Hach … wann werde ich jemals — annähernd — erwachsen?

/ 2022. Juni. 1-4.
/ #journal

vorwärts in die Vergangenheit

_ journal _

Auf dem Weg zum Arbeitsplatz sah ich zwei Personen an einer Haltestelle stehen, welche als Avatare für den aktuellen Zeitgeist stehen könnten: eine war in Sandalen, kurzen Hosen und T-Shirt bekleidet; die Andere mit Stiefel und Winterjacke mit Fellfutter. Und da es drei Uhr früh war, Nieselrefen fiel, und man durch die Dunkelheit die Temperatur nicht einschätzen konnte, wirkten Beide passend gekleidet.

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Momentan finden meine Arbeitszeiten meißt in den frühen Morgenstunden statt, was meinen Schlafrhytmus … Ich schlafe wenn ich kann — Mittagspausen, Stehzeiten und wenn es sich nachts ergibt.

Es wird interessant, wie es im professionellen Alltag mit dem Personalmangel weitergeht. Die Besucherzahlen sind nieder, bleiben aber konstant und die Künstler wollen wieder auf die Bühnen. Hinter den Kulissen fehlen allerdings die Leute. Über die Gründe dafür braucht man kein Wort mehr zu verlieren — schlecht bezahlt, scheiß Arbeitszeiten — aber man darf den Künstlern auf den Hintern schauen. Nun begann vor zwei Wochen eine neue Technikerin bei uns. Ich hatte noch nicht viel mehr mit ihr zu tun als die typischen Grußformeln abzuspulen, aber das Verhalten der Kollegen machte mir bisher mehr Sorgen, als dass sie eventuell ein Ungustl* ist. »Gestan woar i mim Hosn ala.« — »Gestern war ich mit dem Hasen alleine.« — war eine der Aussagen eines Kollegen zum Dienst mit ihr. Wieso redet man so? Ich weiß ja von welchen Charakteren es kommt — wenn da die Frau anruft stehen sie salutierrnd vor dem Telefon —, und wie diese sozialisiert wurden, nur besteht hier eine professionelle Beziehung, 30 Jahre zwischen den Geburtstagen und Töchter auf Seiten des Kollegen.
Ich musste auch erst lernen, dass man manche Worte im Kopf aussprechen könnte, bevor man sie in die Welt setzt. Auf die Frage, wie sie sich bei der Arbeit tat, kam bur ein »Ja, eh.«; obwohl das ja die wichtige Frage war. Gerade bei der Leistung junger Kollegen muss man sich bewusst machen, dass da nicht genug Zeit war um Erfahrung zu sammeln. Aber das sind die Sachen die mich interessieren. Es reagierte niemand auf die geäusserte Tatsache, dass der Kollege mit dem Hasen Dienst hatte; auch nicht nach einer zweiten Erwähnung.
Im Zuge des Schreibens und überarbeiteten dieses Textes habe ich ein paar Arbeiten mit ihr erledigt und ihr ein paar Sachen erklärt, und ich bin gespannt ob sie bleibt. Nicht weil sie ungeeignet ist, sondern weil sie geistig überqualifiziert ist. Sie nimmt alles auf, verarbeitet die Information in Ruhe, und wendet das neue Wissen auch in abgewandelter Form an, wenn die Situation es verlangt.

Beim schreiben des vorherigen Absatzes fiel mir ein weiteres Menschheitsproblem ein: Alles muss so bleiben wie es ist –aber besser. Dazu wird gerne »die gute alte Zeit« beschworen. Wenn man jemanden aus der Antike dazu befragen könnte, würde der einem sagen, dass ein Klo in der Wohneinheit schon super ist, aber Kathargo zu Zeit der punischen Kriege unschlagbar ist?
Wie Kirby das wohl sehen wird …
In der österreichischen Politik drückt sich dies man — meiner Meinung — sehr schön anhand der Politik. Da ist die Zeit stehengeblieben bzw. scheint es, als würde das Land der Kanzlerdiktatur nachtrauern. Als Projekt Ballhausplatz** im Laufen war, meinte man wohl, diese Chance auf eine Zeitreise nutzen zu müssen. Da ist jemand, der mein Leben nicht verändert — außer der Kürzung von Sozialleistungen und der Aufweichung der Arbeitnehmerrechte, was von den gleichgeschalteten Medien als Errungenschaft verkauft wurde –, sondern mich sogar darin bestärkt, in einer Vergangenheit zu leben, die es nie gab; und den bösen Anderen endlich das gibt, was sie verdienen.
Ich würde auch gerne vieles Festhalten, aber es gibt ein paar Dinge, die man am besten am Wegesrand lässt. Oder überarbeitet. Ich möchte nicht mehr das eifersüchtige Arschloch von früher sein — das einfühlsame Arschloch steht mir besser.

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Ghost ließ ich arbeitsbedingt aus. Am Konzerttag startete ich meinen Dienst um vier, und der Kollege der dort Dienst hatte, sagte es wäre erst kurz vor Mitternacht vorbei gewesen.
Dafür hatte ich an dem Tag ein »Erfolgserlebnis«, nach vier Jahren verlief in dem Haus eine Routinekontrolle ohne Probleme.
Ein Kollege erwähnte, dass er gerne wieder Peter Gabriel auf der Bühne sehen möchte. Wird ein Wunsch bleiben, erinnerte mich aber daran, dass ich die DVDs mit seinen Auftritten ausgraben könnte. Überraschenderweiße fand ich eine Kopie von David Lynchs Elephant Man, die ich besagtem Kollegen auf Anfrage lieh, da werden meine alten Konzert DVDs auch noch dabei sein.

* Ungustl = unsymphatischer Mensch
** Projekt Ballhausplatz

/ 2022.Mai.9-19
/ #journal