Verfall

[ journal ]
  • Mir fiel auf, dass sich meine Winterschuhe nach einem Jahr aufzulösen begangen.
    Die Frau empfiel mir einen Anbieter für Barfußschuhe, welche Sie für den Winter empfiehlt. Fand ein gebrauchtes Paar dass ich mir gestern noch abholte. Der Verkäufer gab an, er trug sie nur kurz aber heftig, ich fand jedoch noch keine wilden Gebrauchsspuren. Im Gegenteil, sie arbeiten noch ein wenig gegen meinen Schritt.
  • Nach elf Jahren treuen Dienst verabschiedete sich unser Router in die ewige Vermittlungszentrale. Der bei meinen Eltern folgte dem Beispiel seines Kollegen.
    Der ältere Schwager half bei meinen Eltern aus. Anscheinend reparierte mein Vater sein Auto und nahm nur einen symbolischen Betrag als Entlohnung.
    Unseren habe ich vorerst mit der Router Funktion des Modems unseres Internetanbieters ersetzt. Allerdings schicke ich da alles über einen VPN Server weil ich zu Paranoid bin.
    Hmm, was könnte ich meinem Schwager reparieren?
  • Dem Computer meines Vaters richtete ich die Waden wieder nach vorn — indem ich Ihm meinen „alten“ Firmenrechner vererbte. Das Gerät hat zwar den Boscher, dass es einen Neustart forciert wenn die Grafikkarte Überstunden machen muss, aber zur Recherche und Dokumentenverarbeitung reicht es.
  • Die junge Nichte verbringt Ihre Tage momentan im Homeschooling, und natürlich geht Ihr genau jetzt der Computer ein. Onkel Hopkins hat natürlich keine Festplatte mehr in seinem Fundus herumkugeln…
  • Zuerst bucht man mich für zwei Nachtschichten — noch dazu an Ruhetagen was mehr Geld bringen würde — und lässt mich extra noch einmal auf Covid19 testen, nur um beides wieder abzusagen…
  • Mein Körper und Geist sind ein Geisterhaus. Alles ächzt und kracht. Seit Tageb raufe ich mit einem Schub. Ich denke, mein Darm bereitet gerade seinen Abgang vor. Es fühkt sich jedenfalls an, als würde er sich vom ihn umgebenden Fleisch lösen.

geheimer alter Mann

[ Journal ]

Im Supermarkt hausen Vögel.
Es viel mir bisher nicht auf, dabei besuchen wir diese Filiale regelmäßig. Zuerst dachte ich, das zwitschern kommt aus der Beschallung—dann flogen zwei Vögel über unsere Köpfe. Ein zweiter Blick zeigte, in den Kabeltassen hatten die Tiere sich Nester eingerichtet. Ich kann nicht sagen ob die anderen Nester im Moment auch in Benutzung sind, und ob die Vögel geduldet werden, oder man einen Gewissen Punkt abwartet, um sie zu entfernen.

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Derzeit bin ich im „vollen Vater-Modus“. Ein großes Projekt der Frau startete, was für Sie mehr Zeit am Arbeitsplatz bedeutet. Gleichzeitig ist inzwischen geklärt, dass nicht nur Ihr Fußgewölbe eingestürzt, sondern inzwischen auch ein paar weitere Knochen sauber durchgebrochen waren.
Der von der Krankenkasse bezahlte Orthopäde möchte einfach nur die Schmerzen betäuben und Korrektureinlagen und ähnliches Verordnen, der privat zu bezahlende Arzt, riss uns zwar ein Loch ins Budget, riet Ihr aber zur billigeren Behandlung: für die nächste Zeit soll Sie jeden Schritt in festem Schuhwerk tätigen. Zum Glück haben wir nur unsere Wanderschuhe, und Brüderlein Fein hatte noch die Schiene für sein Bein im Lager.
Aber es zeigte mir leider wieder auf: Kassenpatienten sind kein Teil des Gesundheitssystems, sondern eines bizarren Wirtschaftszweigs. Dabei würden die Leute mit der Schiene gut verdienen. Das Ding kostet 300,—…meinen Eltern wurde ein Teil meiner Wirbelsäulenkorrektur per Mieder von der Krankenkasse finanziert—wie würde das heute aussehen? Gäbe es einen vergleichbaren Sekundärmarkt wie für die Beinschiene?

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Nach einer Unterhaltung über Schuhe aus unserer Jugend mit meinem Schwiegervater nannte die Frau mich einen „geheimen alten Mann“. Weiß keiner mehr wer Garry Glitter ist? Und was der für Schuhe trug? Ich frage mich ob es eine Frage der Zeit oder der Gesellschaft ist, dass im Bekanntenkreis der jugendlichen Frau keiner „Hufeisen“ auf seine Stiefletten nagelte, um beim Mopedfahren eine Funkenspur zu ziehen.