Irrwege

Das Erstgespräch mit einem Therapeuten hat stattgefunden. Die Praxis befindet sich in einem Gebäude mit komplizierter Architektur, die logisch wird, sobald man die Bezeichnung der Stockwerke versteht. Ich wünschte, man hätte die Anschrift nicht nur am Ende der Webpräsenz vergraben, sondern auch auf das Schild neben dem Zugang geprägt—ich kam in der Annahme an, dass es schon auf dem Klingelschild oder im Aufzug oder im Treppenhaus angeführt sein wird.

Das Haus selbst ist allerdings passend für die Beherbergung einer psychotherapeutischen Praxis. Wenn man die Verbindungstür zum Treppenhaus in den «Wohnungstrakt» durchschreitet, meint man die Dimension gewechselt zu haben. Ich hoffe diese Beschreibung ergibt Sinn: Man betritt eine Halle, deren Dach und eine Front verglast ist. Das Dach wird von Säulen gestützt, welche auch die Wege zu den Wohnungen tragen. Und diese Wege verlaufen versetzt zueinander. Ich dachte mir erst, es sei eine Trainingseinrichtung fur Parkourenthusiasten.

steve-ditko-doctor-strange-landscape
zu der Architektur fielen mir Steve Ditko’s Landschaften aus Doctor Strange ein

Die Therapeutin verwirrte mich weiter. Ich schätze Sie jünger als mich ein, und Sie trug einen dieser … Meditationspyjamas—und das sah so entspannt aus und passte gut zur Einrichtung der Praxis, und bedingt durch die leichte Überforderung durch die Architektur dachte ich, es wäre in Ordnung für mich nun eine Stunde ein offenes Selbstgespräch im Vorzimmer der Praxis zu führen. Gegen Bezahlung natürlich.
Ich hasse es, wenn Therapeuten einem die Möglichkeit mehrerer Sitzplätze bieten. Dahinter steht—wahrscheinlich—keine Absicht, aber mir erscheint es wie der erste Test. Rattansessel mit dem hellgrünen Polster auf dem Flokatiteppich—in der Kindheit Bettnässer gewesen, leichter Fußfetisch mit Schwerpunkt auf Fußgewölbehöhen der so lähmend ist, dass soziale Interaktionen auf die notwendigsten reduziert wurden. Es dauerte eine gefühlt lange Zeit, bis ich mich für einen Sitzplatz entschied. Die Frage nach dem favorisiertem Platz der Therapeutin half auch nicht.

Ich erzählte alles, dass mir in den Sinn kam. Beim zweiten Satz meldete sich schon die innere Stimme mit «Öha, wird jetzt schon kompiziert.», und dies war auch Ihr Resümee. Aber Sie fand den Fall spannend und mich sympathisch, und würde deswegen gerne den Kuddelmuddel weiter mit mir anschauen, und dann endgültig entscheiden, ob wir miteinander arbeiten.
Es war schön zu hören, zumindest sympathisch zu sein.

2021-09-11/#Journal #therapie

roter Alarm

[ journal ]

„Der Eindruck unnütz zu sein, wird durch die Ignoranz meiner Person verstärkt.“

„Wie äussert sich diese Ignoranz?“

„Zum Beispiel wurde mir von meiner Frau ein Arzt empfohlen, der auch gleich den Ionisierer und Atomverdichter um einen Fetzen1 aufs Rezept schreibt.“

„Und das ist so schlimm?“

„Ja. Was einem hilft ohne Andere zu verletzten ist ok, aber nach 15 Jahren Beziehung sollte man wissen wie ich auf so etwas reagiere.“

—Hier kommt der Punkt, an dem ich die Sitzung hätte Abbrechen sollen. Vier Jahre Therapie…—

„Das mag schon sein, aber es gibt da diesen Fotografen, der Worte wie „Liebe, Krieg, Freundschaft“ auf Gefäße mit Wasser darin schrieb, es einfror, und dann die Eiskristalle fotografierte. Und die Form der Kristalle, erinnert an das Wort, welches auf dem Gefäß stand.“


1.. Ein Fetzen = Tausend Euro

159 :: temporaler Irrtum

Kirby wurde in der Nacht auf heute unruhig. Ein paar Mal rief er nach uns, schlief aber umgehend wieder ein. Um 5h bekam er mit, wie ich nach Ihm schaute, und so startete unser Tag.
Essen wurde inzwischen zu einem Problem. Kirby möchte ständig essen, scheint aber an der Auswahl zu verzweifeln. Es liegt an der Angst, unter die Wachstumskurve zu fallen—die durchfährt Kirby hart am Limit—, dass wir immer etwas für Ihn dabei haben. Mit Geduld und Bewusstsein für die Situation, wird sich neues Verhalten etablieren. Wenn da nicht diese Verzweiflung wäre…

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Therapie mit Atemschutz ist anstrengend. Bisher musste ich noch keine Stunde mit Maske reden.
Es ist wieder Zeit geworden, die Krankenkasse um eine Unterstützung zu fragen—und damit stehe ich wieder vor der Entscheidung, ob ich „Auf Wiederschauen“ sagen soll. Aber dann muss man sich nach etwas neuem umschauen, und der Teufel den man kennt, blablablabla.

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Mein Vater rief unerwartet an, weil seine Mediationen über ein Bastelproblem ein Ergebnis produzierten, dessen Umsetzung den gewünschten Erfolg erzielen sollte. Was den Anruf allerdings erwähnenswert macht ist, dass mich ein Passant währenddessen fragte, wie spät es sei, und ich mich um eine Stunde in der Zeit irrte—was man Vater korrigierte. Ich drehte um und klärte meinen temporalen Irrtum auf—was gut war, denn der Passant plante die falsche Zeit auf einem Parkschein zu vermerken.

Der wait, what? Podcast bespricht unter anderem die Situation des Direct Markets1 in den USA. Das System2 dahinter wurde auf Gatsch gebaut, da war es eine Frage der Zeit, bis es da einen so hinstreut, dass ein paar mitgerissen werden.
Woran es mich allerdings auch erinnerte, ist die Aussage eines Liebhaberkollegen:
„Wie bei uns gewirtschaftet wird, findet in der Welt da draußen mit größeren Summen statt.“
Wenn man das Gehörte für bare Münze nimmt und entsprechend skaliert, stellen sich einem die Nackenhaare auf.

Eine Frau klagt alle Homosexuellen in den USA. Wieso? Weil der Fantasiefreund das so will.

1 —waitwhatpodcast.com
2 —en.wikipedia.org
3 —boingboing.net

159-2019 | 159-2018

115 :: Regionen kennenlernen

:: 24apr20 ::

Die Frau hat Kirby ein paar lokale, kindgerechte Hörspiele auf sein Medienwiedergabegerät gespeichert. Ja, die Hörspiele sind gut produziert—aber beim hören, ist es mir peinlich anwesend zu sein.
Und das von jemanden, der sich Zeichentrickserien ansieht, in denen einer per Zauberspruch seine Hose auszieht und Selbstbräuner aufträgt[1].
Dem war allerdings schon im Kindertagen so; wenn wir im Zuge einer Schulaktion im Theater waren, ist es mir peinlich gewesen anwesend zu sein. „Hoffentlich kennt mich keiner.“ war damals ein unpassender Gedanke.

Da fällt mir auch eine Führung durch Wien aus meinen Kindertagen ein. Unser Führer – badampf[2] – hat seinen Künstlernamen nach der Vorstellung erklärt, ich erinnere mich heute noch daran, dass ich im Boden versinken wollte.
Heute beneide ich den Mut, den diese Menschen hatten.
Puppentheater war auch immer stinkfad. Aber ich habe mit vier Jahren Robotech[3] gesehen—mein Hirn ist früh vergiftet gewesen.

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Mein Therapeut hat mir vorgeschlagen, die rektalen Regionen von entscheidungsrelevanten Personen des professionellen Alltags besser kennenzulernen.
ich hätte in dem Moment auflegen sollen.

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Japanische Bleistiftminen für mechanische Bleistifte sind besser als die lokaler Marken.
Dazu ein Kuru Toga Bleistift[4]…
ich habe gesprochen.

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Von der siebten Staffel Clone Wars bin ich bisher nicht sonderlich begeistert gewesen—aber in der zehnten Episode haben sie etwas geschafft, dass den Star Wars Animationsserien bisher nicht sonderlich geglückt ist: Sie vermittelt den Eindruck von Masse bei einem Lichtschwertkampf[5]. Wir sind noch nicht ganz „da“, aber mit jeder Serie wird es besser.
Aber es wird wohl nix das letzte Kenobi/Maul Duell schlagen[6]


[1] He-Man transformation – I Have The Power –youtube.com
[2] Comedy drum fill –youtube.com
[3] Robotech –en.wikipedia.org
[4] The most advanced pencil –youtube.com
[5] Ahsoka vs Maul Final Fight –youtube.com
[6] Darth Maul vs Obi-Wan –youtube.com

115-2019 | 115-2018

Vernunft und Humanismus

– 10apr20 –

aus Ultra Q ep.6: Grow Up! Little Turtle (育てよ! カメ, Sodateyo! Kame)

Taika Waititi gibt mir Hoffnung, dass etwas besser werden könnte:

It’s so over the top now in the very best way. It makes Ragnarok seem like a really run of the mill, very safe film…this new film feels like we asked a bunch of 10 year olds what should be in a movie and just said yes to everything.

slashfilm.com

Fehlen nurmehr faire Löhne, Kapitalsteuern, ein universales Gesundheitssystem und vor allem Vernunft und Humanismus.

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Die Therapie ist heute ein Quell der Depression gewesen.
Seit Inkrafttreten der freiwilligen Ausgangsbeschränkung konferiere ich mit meinem Therapeuten über das Telefon. Zu Beginn habe ich das großartig gefunden – ich kann bei dem Gespräch liegen und den Plafond hypnotisieren. Aber heute ist es ein anstrengendes Gespräch gewesen. Die gefühlte Belastung wirkt in den eigenen Wänden – im eigenen Bett – schwerer. In der Praxis hat man die Möglichkeit des Ortswechsels im Hinterkopf…und jetzt fällt mir ein das ich das Gespräch beenden und den Raum hätte verlassen können. Jederzeit. Nicht einmal abheben hätte ich müssen.
Das Gesprächsthema war der Abschluss eines weiteren Lebensjahres, und wie ich in diesem – und den Jahren davor – nichts weitergebracht habe. Denn auch wenn es angenehm ist, Dinge für sich selbst zu machen – Podcasts, schreiben, lesen und Dinge besprechen –, den Großteil der Zeit verbringe ich in einem Job der zwar gut bezahlt ist, aber mich auffrisst.
Mein Therapeut meinte, ich sollte mich einfach für den Werkmeister anmelden, und meinen Arbeitgeber vor vollendete Tatsachen stellen. Kann man machen wenn man fixe Arbeitszeiten hat, und nicht von Tourplänen, Veranstaltern, Künstlern, anderen Technikern, C- bis Z-Prominenten und Lieferzeiten abhängig ist.
Oder bin ich einfach nur zu feige? Sollen sie mich rausschmeißen. So wie es im Moment aussieht, wird das ohnehin geschehen.
Was habe ich zu verlieren?

Nur ist es nicht der Meister den ich mir wünsche, sondern eine Tür die mich an einen Ort bringt, an dem ich mich nach mir fühlen darf.

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Kirby hat mich während des zu-Bett-bringen Rituals plötzlich umarmt – so fest, das ich mich einen Augenblick gefürchtet habe, seine Finger würden die Haut durchbohren und meine Rippen fassen.
Der Bub hatte einen müden Tag.
Ich auch.
Beim vorlesen hat es wieder viel Konzentration gebraucht, um sich wach zu halten.

Es gefällt mir, dass man schon eine Art Unterhaltung mit Ihm führen kann. Oft deuten wir, wass der Andere möchte, aber so lernen alle Beteiligten dazu.

Sein zweites Frühstück hat er ohne Aufforderung oder Erwähnung mit ein paar Enten geteilt.

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Seit ein paar Tagen lese ich Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein von Benjamin Maack, und es fällt mir schwer mir eine Meinugn dazu zu bilden. Mein Lesegerät sagt, das noch 30% Datei über sind, und ich bin gespannt darauf, ob sich in zehn Prozent mehr bei mir rühren wird.
Nein, jetzt wo ich darüber nachdenke fürchte ich, die Schilderungen sind ein Ausblick in eine mögliche Zukunft.